Eine Dienstreise

 Der Pharaonenschatz

Eine Dienstreise

von Ulrike Brykczynski, 11 Jahre, Humboldt-Oberschule Klasse 7g

Gemütlich saß Herr Maus in seinem Büro und trank seinen Kaffee, als es an die Tür klopfte. „Herein!“, rief er und stellte seine Kaffeetasse zur Seite. Türkischer Mokka, köstlich! Herein kam die Sekretärin des Chefs und sagte, dieser wollte ihn sprechen. Ach herrjemine, schon wieder eine Gehaltskürzung, oder hatte sich einer seiner Kunden über ihn beschwert?

Herr Maus arbeitete in einem Reisebüro als Berater. Meist musste er den Kunden für ein bestimmtes Urlaubsland die günstigsten Flugverbindungen erklären oder besonders empfehlenswerte Reiserouten aus dem Katalog heraussuchen, für den er auch manchmal selber schrieb. Die Korrespondenten aus den verschiedenen Ländern gaben ihm Bericht über besondere Sehenswürdigkeiten oder tolle Badestrände oder andere Sachen, und er verfasste alles zu einem Bericht, um den Kunden die Reiseziele näher zu bringen – das konnte er wirklich gut!

Das Büro war weiter oben im Gebäude, im dritten Stock und daher ziemlich weit vom Büro des Herrn Maus entfernt, der seines im Erdgeschoss direkt neben dem Ladenraum hatte. Schließlich stand Herr Maus schnaufend vor der Tür des Chefs und klopfte. Ein junger Mann öffnete und trat heraus. War das nicht derjenige, der gerade als Praktikant bei „Travel-quick“ angefangen hatte? Na egal, er sah jedenfalls noch erstaunlich fröhlich aus, als er in den Fahrstuhl stieg und nach unten fuhr. Ja, an den Fahrstuhl hätte ich auch denken müssen, dachte Herr Maus. Aber nun war wirklich keine Zeit zum Nachdenken, denn hinter der Tür wartete der Boss. Er sah wirklich schrecklich aus! Freundlich grinsend bot er Herrn Maus einen Stuhl an, er selbst ließ sich auf einen Ledersessel hinter seinem Schreibtisch fallen. „Also Herr Maus!“, fing er an, „Da wir einige höher qualifizierte Leute als Sie und einige Mitarbeiter haben, müssen wir Ihre Stelle neu besetzen...“ Herr Maus schnappte empört nach Luft. So etwas hatte er jetzt wirklich nicht erwartet! Seit 19 Jahren arbeitete er nun bei diesem Unternehmen, und nun wollte dieser fürchterliche Chef ihm einfach kündigen, der junge Mann, der nicht einmal halb so lange hier arbeitete wie er? Gerade wollte Herr Maus zur Rede ansetzen, als Herr Betzer ihm Einhalt gebot. „Aber wir hätten da noch ein Angebot für Sie! Das würde eine 10%-ige Gehaltserhöhung bedeuten. Es wäre wie eine Versetzung in einen anderen Firmensitz, nur dass dieser in Stuttgart wäre. Dahin müssten Sie dann ziehen, eine Wohnung und ein Büro würden wir Ihnen dann natürlich zur Verfügung stellen. Ihr neuer Job würde dann auch keine direkte Kundenberatung mehr beinhalten, Sie müssten mehr für Kataloge schreiben. Auch einige Reisen würden dann dazugehören, damit Sie aus eigener Erfahrung schreiben könnten. Na, was sagen Sie dazu?“ Was für ein Angebot!Stuttgart war eijne schöne Stadt, bestimmt schöner als Erfurt, die Stadt, in der er jetzt lebte, eine Gehaltserhöhung wäre ja auch nicht schlecht und irgendwie würde er schon mit den sonst so verhassten Auslandsreisen zurecht kommen. „Brauchen Sie vielleicht noch etwas Zeit zum Überlegen? Sie könnten dann morgen wiederkommen und mir Ihren Entschluss mitteilen!Noch einmal diesen Chef besuchen? „Nein, mein Entschluss steht schon fest – ich werde nach Stuttgart ziehen!

Den Weg nach Hause beschritt Herr Maus mit großen Schritten. Eine Arbeit in Stuttgart wäre sicher toll!Die Reisen ins Ausland verdrängte er erstmal.

Weil er so vergnügt gewesen war und in den Himmel geschaut hatte, hatte er seine Verfrolger nicht bemerkt. Plötzlich war er umringt von etwa 15 halbwüchsigen Jugendlichen, die wahrscheinlich türkischer oder araboischer Abstammung waren. Einer holte moit einem fiesen, ziemlich zahnarmen Grinsen eine Pistole aus der Tasche und sagte mit einem bedrohlichen Knurren: „He Opa, Geld her oder ich schieße!“ Herr Maus dursuchte mit zitternden Händen seine Taschen, als er nichts fand, sagte er mit leichtem Stottern: „Ju-ju-jungs, ich habe nichts und es wäre...äh... nett, wenn ihr mich jetzt vorbeilassen würdet!“ Mit einem Lächeln versuchte er seine Angst zu übertünchen. Nachden die Jungs sich überzeugt hatten, dass seine Taschen wirklich leer waren, zogen sie enttäuscht wieder ab. Herr Maus murmelte etwas von : „ Scheiß Ausländer, alles Diebe und Ganoven!“, dann war er aber auch schon zu Hause.

23 Tage später ging es endlich los: der Umzug nach Stuttgart fand statt. Es wurde geflogen und somit ging es ziemlich schnell, aber dem armen Herrn Maus ging es so schlecht, dass er lieber 9 oder 10 Stunden mit der Bahn gefahren wäre.

Die Wohnung, die seine Firma Herrn Maus besorgt hatte, war nicht wirklich groß, und dazu kostete sie auch noch ziemlich viel, aber das ließe sich durch 10% Gehaltserhöhung bestimmt ausmerzen. Ein Auto stellte die Firma ihm nicht zur Verfügung, da er sich, wie sie ihm versicherten, „sich ja gar nicht so viel in Stuttgart aufhalten würde“. Auch das Büro war viel zu klein, und „ein größeres wäre einfach nicht vorgesehen“.Und dann kam auch noch das Reiseziel, er würde zwei Wochen lang durch die TÜRKEI reisen und eine neue Reiseroute testen, die für Familien vorgesehen war. Wie schrecklich! Und nicht einmal Zeit um seine neue Heimat zu erkunden blieb ihm, weil die Reise zwei Tage später beginnen sollte. Und schon wieder mit dem Flugzeug, wo er doch so eine Flugangst hatte! Alles in allem wünschte Herr Maus sich zu diesem Zeitpunkt, doch lieber in Erfurt geblieben zu sein und sich mit einer ordentlichen Abfindung im Rücken eine neue Arbeitsstelle gesucht zu haben. Seufzend packte Herr Maus seine Sachen zusammen und machte dann einen Stadtspaziergang, um die fremde Stadt wenigstens noch ein bisschen kennen zu lernen.

Als Herr Maus sich am Abreisetag dem Flughafen näherte, sah er dort schon seinen neuen Chef stehen – zusammen mit dem Praktikanten, der vor 3,5 Wochen so strahlend aus dem Zimmer des Chefs kam! Was wollte der denn hier? War auch der versetzt worden und war nun beim neuen Chef direkt angestellt? Oder sollte dieser Halbstarke mit auf seine Reise kommen?

Nervös knetete Herr Maus seine Finger. Erst zum schrecklichen neuen Chef, der im Moment gerade einen Zettel mit Instruktionen über die Reiseziele, die Herbergen und die besonderen Landschaftsmerkmale der Türkei verteilte, und schließlich ins Flugzeug – was für ein Horror! Und dann waren auch noch die Koffer viel zu schwer.

Der Chef gab ihm dann auch noch so einen Zettel und erklärte, dass der junge Mann neben ihm Mike, der neue Praktikant sei und ihn auf der Reise beglitte, um Erfahrungen zu sammeln. Verdammt, so hatte Herr Maus sich das mit der Stelle in Stuttgart aber nicht vorgestellt: Erst die viel zu kleine Wohnung, dann musste er zu Hause nun überall zu Fuß hingehen, auch das Büro war nicht viel größer als ein Kekskarton, die erste Reise ging in die Türkei, wo er doch diese Leute so hasste und sowieso keine Reisen mochte und nun kam auch noch so ein junger Praktikant , der ihn als erfahrenen Geschäftsmann sicher nur nervte. Herr Maus hatte keine Zweifel daran, dass dies die schlimmsten beiden Wochen seines Lebens werden würden.

Im Flugzeug war es eng und stickig, und es schaukelte, sodass Herr Maus ganz käsig im Gesicht wurde. Der Praktikant laberte ihn wirklich die ganze Zeit voll und stellte Fragen wie: „Waren Sie schon einmal in der Türkei?“ oder: „Wie hoch ist Ihr monatliches Gehalt?“ oder „Haben Sie auch so einen Hunger?“ Ja, Hunger hatte er. Schon beinahe zwei Stunden warder Flieger unterwegs und noch immer war keine hübsche, bau kostümierte Stewardess gekommen und hatte ihnen Brötchen und Eiersalat, Lachsfilet und Champagner serviert. Manchmal kamen Männer herum, die orange T-shirts und graue Westen trugen, auf denen das Logo eine Fluggesellschaft gedruckt war. Komische Menschen, dachte Herr Maus.Ob das Techniker sind? Sie liefen allerdings mit Wagen voller Getränke undkleinen Chipstütchen herum, die käuflich zu erwerben waren und von denen sich Mike bald einen Vorrat angelegt hatte, aber Herr Maus wäre wahrscheinlich lieber verhungert, als von diesen Menschen etwas zu kaufen.

Als das Flugzeug dann endlich in Ankara angekommen war, war es wegen der Zeitverschiebung schon viel später. Es war furchtbar heiß, sicher 35°C im Schattenund schwül, Herr Maus schwitzte entsetzlich in seinem Flanellhemd. Überall waren fröhliche Menschen. Über dem Gepäckband hing ein Plakat: Hos geldin in Ankara! Darunter stand auch noch etwas auf Arabisch und auf zwei anderen Sprachen, die ziemlich unbekannt aussahen. Das war der erste Flughafen, auf dem die Begrüßung nicht zumindest auch auf Englisch dran stand! Herr Maus hätte außer Deutsch noch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und sogar Schwedisch lesen können, aber mit diesen Sprachen konnte er einfach nichts anfangen!

Über dem Gepäckband stand auch noch etwas, wo seltsame Wörter vorkamen, auf die Herr Maus sich einfach keinen Reim machen konnte. Fragend schaute er seinen Praktikanten an, doch wie angenommen schüttelte auch dieser nur den Kopf. Da Herr Maus am liebsten schnell von diesem Flughafen weg wollte, zerrte er seinen Koffer vom Band, sobald er ihn kommen sah. Aber der Koffer kam nicht zu Herrn Maus, sondern das Laufband stoppte mit einem Ächzen. Von dem Ruck flog der arme Mann quer über das Gepäckband, der Koffer gleich hinterher. Tat das weh! Und war das peinlich! Zu allem Überfluss fingen auch noch alle Anwesenden an zu lachen, selbst der Praktikant!Mensch, was hatte er denn nur falsch gemacht? Stöhnend rappelte Herr Maus sich auf und stieg mit dem Koffer in der Hand übers Gepäckband. Schon kam ihm eine Gruppe von Leuten entgegen, die ihn mit einem Schwall fremder Wörter überschütteten. Wie hilfreich!

Später, als Herr Maus und der Praktikant dann im Taxi saßen, fragte Herr Maus Mike dann: „Warum zum Teufel fandet ihr das denn alle so komisch? Da stand doch nichts Verständliches über plötzliches Anhalten des Bandes dran!“ Mike kicherte und zuckte mit den Schultern: Sie haben wohl übersehen, dass direkt am Band etwas Englisches dranstand! Es sah halt wirklich komisch aus, wie Sie über das Band gesegelt sind.“ Herr Maus wurde noch wütender. Sein Praktikant musste ihn doch nun für einen kompletten Idioten halten!

Doch plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, weil das Taxi mit einem Ruck anhielt und die beiden Männer vor einem riesigen Betonblock, wahrscheinlich dem Hotel, absetzte. „Yirmi!“, rief der Taxifahrer. Herr Maus hielt ihm einen Zwanzig-Lira-Schein hin, aber der Fahrer schrie laut nocheinmal „Yirmi“, und plötzlich holte der Praktikant ein Portemonaie aus der Tasche und hielt dem Taxifahrer freundlich lächelnd ein Bündel Geldscheine hin, dieser lächelte ebenfalls und fuhr davon. „Aber Herr Maus, hat Sie denn niemand über die türkische Währung aufbeklärt?“, fragte Mike. „Nein, das hat niemand!“, schrie Herr Maus. Was sollte das denn? Wollte ihm die Firma zeigen, dass selbst der Praktikant mehr wusste als er oder hatten sie es vielleicht doch nur vergessen? Jedenfalls war ihm das alles gar nicht recht, und so nahm er beleidigt seinen Koffer und ging langsam in den hässlichen Betonblock hinein.

Der hässliche Klotz war auch von innen nicht viel schöner, obwohl das Zimmer – zugegebener Weise – ganz gemütlich war. Doch da sich die beiden Mitarbeiter des Reisebüros ein Zimmer teilen mussten, war Herr Maus vergrämt. Doch Moment mal, wo war denn der Praktikant überhaupt – er war spurlos verschwunden!Da er auch nicht im Zimmer oder in der Cafeteria war, beschloss Herr Maus, sich erst einmal frisch zu machen und dann den Plan mit den Anweisungen des Chefs anzusehen. Die beiden sollten sich als Touristen ausgeben und sich alle verzeichneten Sehenswürdigkeiten und schöne Plätze anzusehen. Komisch, es war irgendwie irreal, dass man gerade noch im Büro in Erfurt saß, dann nach Stuttgart umzieht und 4 Wochen später schließlich als reisender Katalogreporter in der Türkei war und sich um einen Praktikanten sorgte, der spurlos verschwunden war. Das wollte er doch eigentlich wirklich nicht!

Im Restaurant aß Herr Maus erst einmal etwas – seltsamen, kugeligen Reis, gebackenes Fleisch mit würziger Knoblauchsoße und fürchterliches Gemüse. Zum Trinken gab es ein Glas mit einem seltsamen Joghurtgetränk, das nicht süß und cremig sondern salzig und eher dünn war. Es wurde ihm zum Glück gratis serviert, aber wie sollte man hier denn auch etwas ordentliches finden? Verzweifelt suchte Herr Maus auf der Speisekarte nach einem Wort, dass auch nur entfernt nach „Bier“ oder „Wein“ oder wenigstens nach „Selter“ aussah, aber vergeblich. Herr Maus knallte die Speisekarte auf den Tisch und zahlte – diesmal den richtigen Betrag.

Missmutig saß Herr Maus in seinem Zimmer vor dem ausgeschalten Fernseher und wartete weiter auf den Praktikanten – langsam musste dieser doch wieder auftauchen, es war schon dunkel und spät, suchen konnte er ihn aber nicht, denn er kannte sich in Ankara bei Nacht nicht aus – Mike doch aber auch nicht, oder?ächter hörte. Er schaute heraus und sah seinen Praktikante mit einer Gruppe Jugendlicher herumhängen, da hatte der junge Mann sich also herumgetrieben: mit einer Gruppe von Jugendlichen, die sich

Herr Maus malte sich schon die schlimmsten Dinge aus, als er von draußen lautes Geler 5 Jahre jünger waren als er, in der Disco. Als der leicht angetrunkene und ziemlich fröhliche Mike im Zimmer war, sagte er, wenn auch etwas undeutlich: „Weißt du, meine neuen Freunde ham´n mich zu ner coolen Party geführt, mit Bauchtanz und so. Ach ja, darf ich dich beim Vornamen nennen? Ich mein´, wir müssen es ja jetzt 2 Wochen miteinander aushalten. Wie heißt du denn?“ „Ich bin der Manfred!“, rutschte es dem Befragten heraus, bevor er überlegen konnte. „Okay, dann nenne ich dich jetzt immer Manni.“, meinte Mike glücklich, und da es jetzt selbst für 25-Jährige Jungdynamiker Schlafenszeit war, ließ Herr Maus ihn gehen. Aber wenn er ihn jetzt immerManni nennen würde, würde der Türkei-Urlaub zum Horrortrip werden.

Ganz so schlimm wurde es natürlich nicht, denn in Ankara gab es viel schönes zu sehen, was sogar Herrn Maus gefiel, doch der Praktikant nannte ihn weiterhin immer Manni, ging abends mit seinen Freunden auf Parties und wusste auch immer alles besser. Außerdem mochte Herr Maus keine Ausländer, und so war es ganz schrecklich für ihn, irgendwo fremd zu sein – während sein Praktikant laufend neue Freundschaften knüpfte, mochte niemand den mürrischen Herrn Maus.

Schließlich kam die Abreise aus Ankara. Mike verabschiedete sich stürmisch von seinen Freunden, während Herrn Maus nur so ein seltsames Gefühl der Sehnsucht überkam – hatte er etwa Heimweh? Nach Stuttgart? Nein, das war doch nicht sein richtiges Zuhause... schnell schob er die lästigen Gedanken zur Seite, bevor er in den Zug nach Burdur stieg – einer kleinen Stadt, ca. 300 km von Ankara entfernt. Von dort sollte es mit dem Bus zu einem kleinen Küstenort gehen, wo die Männer bei einer Familie mit drei Kindern leben sollten.

Die Zugfahrt dauerte 3 Stunden, Herr Maus war schon wieder allein, weil Mike sich mit seinen neuesten Freunden im Zug herumtrieb. Plötzlich tauchte er wieder im Abteil auf, wo „Manni“ sich wieder den Plan anschaute: „Manni, kannst du den Ort nicht allein besichtigen, ich möchte es doch am liebsten mit Kaplan, Fil, Tayfun, Lale, Yildiz und den anderen die Sachen auf unsere Art besichtigen!“ „Mach doch, was du willst! Ich reise sowieso lieber ohne dich, du Nervensäge!“

Endlich waren sie in dem ganz kleinen Ort angekommen, der ja schon ziemlich idyllisch aussah. Bei immer noch über 35°C wurde im Meer gebadet, die Klippenfelsen bestiegen, die alte Moschee besichtigt und mt den Kindern gespielt und gelacht – wenn diese doch nur nicht so albern gewesen wären! Mike währenddessen trieb sich mit seinen Freunden dauernd im Ort herum – so ein Faulpelz, er war ja eigentlich als Reisebüropraktikant und nicht als Partytester mitgekommen!

Herr Maus vergaß fast seine Vorsätze, alles schrecklich zu finden, aber als nach 6 Tagen die Abreise nahte, empfand er doch wieder alles so: Zuhause in Erfurt war es doch auch angenehm warm, am Stadtrand konnte man auch gut baden, man musste sich nicht mit nervigen Praktikanten herumschlagen und sich auch keine anstrengenden Städtetouren antun. Auch brauchte man dort kein Heimweh zu haben (auch wenn Herr Maus ja nicht zugeben konnte, Heimweh zu haben – war er denn noch ein kleiner Junge?)

Als nächstes erwartete die beiden eine Tour durch Istanbul, die Stadt, die genau zwischen Europa und Asien liegt. Sie würden dort ihre letzten drei Reisetage verbringen und in dieser Zeit in einer Herberge schlafen, was Herrn Maus immer wieder so an Pfadfinder erinnerte. Es wurde wieder mit einem Zug gefahren, bis nach Istanbul konnte man mit einer Fähre schippern und bis zur Herbege noch ein Stück laufen.

Diese war ziemlich klein, die Männer hatten wie auch davor ein Zweierzimmer bekommen, was allerdings auch nicht groß war. Die Bettwäsche musste man extra bestellen, wozu Mike wieder einmal seine Freunde holte und diese dazu brachte, zwei Sätze Bettwäsche zu bestellen – wie konnte er sich nur mit diesen Leuten verständigen, wenn Herr Maus es probierte, mit Händen und Füßen herumfuchtelte oder die Leute auf bittende Weise anschaute, zuckten diese nur mitleidihg die Schultern. Da Mike Istanbulwieder mit seinen Freunden erforschen wollte, ging Herr Maus allein zum Bosporus, zum Rathaus und den diversen Museen (die allerdings nichts brachten, weil sie nur auf türkisch waren). Istanbul war ja ganz schön, doch da hier so viel Kultur anstang, konnte man nicht eben so ins Wasser springen, deshalb war die Hitze so unerträglich. Auch war es bedrückend, allein bei glühender Hitze über die Straßen zu laufen, wo man doch so viel zu tun hatte. Eigentlich wollte er ja auch in Erfurt sitzen, seine Blumen versorgen und eine deutsche Zeitung lesen... aber das konnte er ja bald wieder haben – morgen würde es nach Hause gehen! Da fiel ihm plötzlich ein, dass er ja nun in Stuttgart zu Hause war, ohne Blumen, ohne Auto und mit einer Schuhschachtel als Wohnung, einer Keksschachtel als Büro und einer blöden Stelle von seinem Konzern... einfach furchtbar, daran auch nur zu denken!

Da es schon der vorletzte Tag in der Türkei war und Herr Maus immer noch keinen echten türkischen Mokka getrunken hatte, wollte er es nun noch einmal versuchen. Ein wenig türkisches Gebäck könnte man bei dieser Gelegenheit auch noch probieren...

Als er gerade wieder herausgehen wollte, weil man auf dieser Speisekarte einfach nichts finden konnte, kam Mike mit einer Horde von seinen Freunden herein und grinste, als er den etwas hilflosen Herrn Maus erblickte. „Na, Manni, wie geht es dir denn so? Suchst du vielleicht etwas? Ich habe hier nämlich eine erstklassige Übersetzerin. Meine Freundin Fulya spricht nämlich Deutsch, sie interessiert sich für die westeuropäische Kultur, weißt du. Na los, sag schon!“ „Ja, sag ihr, dass ich gerne einen Mokka hätte und eine echte türkische Gebäckspezialität!“ „Was willst du haben?“, erkundigte sich eine Stimme aus dem Hintergrund. Hinter Mikes Rücken erschien eine junge Frau, deren Alter schwer festzustellen war, da sie in ein buntes Kopftuch gehüllt war. „Ja, da ist sie schon. Fulya ist auch Reisevermittlerin – sie vermittelt Reisen nach Deutschland, Frankreich, Schweden und Holland! Sie würde gern mal nach Deutschland mitkommen, sie reist nämlich gern – im Gegensatz zu dir!

Mit einem spöttischen Grinsen drehte er sich zu seiner neuen Freundin um und sagte : „Komm, lass uns die Sachen für Manni holen!“, indem e sich zu ihr wandte. Herr Maus wollte ihn schon zurechtweisen, doch da er auf seinen Mokka nicht verzichten wollte, ließ er es lieber. Der türkische Mokka war sicher doppelt so lecker wie der in Deutschland verkaufte, allerdings wahrscheinlich auch doppelt so stark. Auch das Gebäck war lecker, höchstens ein bisschen zu süß. Doch als er bezahlen sollte, bemerkte er etwas furchtbares: die Geldbörse war aus der Jackentasche verschwunden!Schließlich bezahlte der Praktikant für ihn, Herr Maus gingüberaus wütend nach Hause und murmelte etwas von : „Scheiß Ausländer, alles Diebe und Ganoven!“, dann war er schon da.

Schließlich kam der Tag der Abreise. Es ging von Istanbul über Frankfurt nach Stuttgart. Hier durften sie erst einmal nach Hause gehen, obwohl das doch gar nicht das richtige Zuhause war. Der Praktikant lebte noch in Erfurt, wo er mit Fulya auch gleich wieder hinfuhr. Da Herr Maus ein solches Heimweh hatte, entschloss er sich kurzerhand, die Stelle in Stuttgart zu kündigen und wieder nach Erfurt zurückzukehren. Zum Glück war seine Wohnung noch frei, von dem verdienten Geld mietete er sie wieder. Auch der alte Firmensitz nahm ihn mit Kusshand, die „höher qualifizierten Fachkräfte“ waren wohl doch nicht so toll. Zwei Wochen später zweifelte Herr Maus schon fast daran, dass er jemals inder Türkei gewesen war!

Kurze Zeit später traf ein großer Briefumschlag mit einem Katalog der Firma „Verreisen macht Spaß!“ - der Konkurrenz – ein. Schnell blätterte er einmal durch den Katalog, auf Seite 153 begann ein Kapitel über die Türkei, geschrieben von Mika Goding und Fulya Gelincik – dem Praktikanten und seiner Freundin! Es war ein Artikel über Ankara und Istanbul, vor allem die Kulturszene für junge Leute war beschrieben. Auch gab es einen sehr dataillierten Bericht über den Küstenort nahe Burdur. Herr Maus grinste. Hatte Mike es also geschafft!

Herr Maus wurde auch noch einmal zum Chef gerufen: es ging um sein 20-jähriges Dienstjubiläum. ER war sehr zufrieden; er hatte doch schon immer gewusst, dass er der beste Mitarbeiter war!

Auch Mike und Fulya waren glücklich: bald würden sie zur Türkeireise aufbrechen, und da Mike türkisch glernt hatte, würde Fulya ihn ihren Eltern vorstellen.

Auch die Geschäftsstelle in Stuttgart hatte bald neue Mitarbeiter gefunden, die gerne überall hinreisten – doch in die Türkei fuhr längere Zeit keiner mehr, denn darüber hatte Herr Maus – Manni – ja gerade einen geschrieben.

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